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Ernährungsumstellung Intervallfasten – Quell der ewigen Gesundheit?

Von Jenny Becker | Stand: 25.03.2017 | Lesedauer: 7 Minuten
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Beim Intervallfasten zählen in erster Linie nicht die Kalorien

Quelle: Getty Images/fStop

Zuerst waren es Außenseiter, die den Selbstversuch machten, jetzt gilt dem Intervallfasten zunehmend das Interesse der Wissenschaft. Es geht um kurzfristige Fastenphasen im Alltag, die wie ein Jungbrunnen wirken sollen.

Früher machte Bernhard Ludwig oft Diäten. Er hungerte sich auf Kleidergröße M – und futterte sich wieder auf XXL. Die Kilos kamen bald schneller zurück, als sie verschwanden. Ein typisches Opfer des Jo-Jo-Effekts.

Jetzt steht er auf Bühnen und erzählt von dem Esskonzept, das ihn schließlich gerettet habe. Es sei denkbar einfach: Einen Tag lang isst er, was er will. Am nächsten Tag isst er gar nichts. Seit fast neun Jahren mache er das so. „Das ist keine Diät, das ist ein Lebensstil“, sagt Ludwig. Er ist Psychologe, tritt aber in seiner Heimat Österreich auch als Kabarettist auf. 69 Jahre ist er inzwischen, mehr als 20 Kilo leichter als früher, er hat bessere Blutwerte, fühlt sich fitter.

Als Bernhard Ludwig mit der Dauerdiät anfing, war er damit noch ein Außenseiter, spätestens in diesem Jahr liegt er voll im Trend. Die Sache heißt jetzt Intervallfasten und ist die Ernährungsmode der Saison. Dabei ist ziemlich egal, was man isst – solange man zwischendurch lange nichts isst. Das Modell scheint vom Ramadan abgekupfert, wo, allerdings nicht aus Diätgründen, tagsüber nicht gegessen werden darf.

Wem ein ganzer Fastentag zu lang ist, der kann sich am 16:8-Intervall versuchen. Wobei die Pause 16 Stunden dauern sollte, die Zeit zum Essen nur halb so lange. Am leichtesten ist das durchzuhalten, indem man die Nachtruhe des Magens verlängert – und das Abendbrot vorverlegt oder das Frühstück weglässt.

Schon wer regelmäßig 14 Stunden fastet, soll gesundheitlich profitieren. Angeblich machen das auch Stars wie Jennifer Aniston und Kate Hudson längst.

„Es ist ein Hype“, sagt der Biochemiker Frank Madeo von der Universität Graz. Ein begründeter Hype, findet Madeo, der das Intervallfasten erforscht – und schon selbst praktiziert. Noch liegen die Ergebnisse seiner eigenen, neuesten Untersuchung nicht vor, aber Madeo kennt die Studien, die Kollegen in den letzten Jahren veröffentlicht haben.

Erkenntnisse aus dem Tierversuch

„Intervallfasten senkt die Entzündungsmarker im Blut, der Zuckerstoffwechsel verbessert sich und ebenso der Nachtschlaf“, sagt er. Regelmäßige längere Essenspausen sollen sogar vor Krebs und Diabetes schützen und lebensverlängernd wirken. Frank Madeo isst jedenfalls nur noch eine ausgedehnte Mahlzeit am Tag und pausiert jeweils 20 Stunden lang.

Der Internist Rainer Stange, leitender Arzt der Abteilung Naturheilkunde der Immanuel-Krankenhauses Berlin, plädiert für etwas mehr Geduld. Viele der Studien, die heilsame Effekte gezeigt haben, wurden an Tieren durchgeführt, „es ist schwierig, die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen“, sagt Stange. Es gebe noch viele offene Fragen – etwa die nach dem günstigsten Fastenintervall.

Systematische Untersuchungen der Ernährungspausen an Menschen seien noch rar. Klare Empfehlungen für Gesunde oder gar Kranke könne man aus den bisherigen Forschungsergebnissen nicht ableiten, bremst Stange die Euphorie.

Es könnte vor Brustkrebs schützen

Es gibt tatsächlich erste Studien mit menschlichen Teilnehmern. Doch eine hält Frank Madeo für aufsehenerregend. Vor einigen Monaten haben amerikanische Forscher untersucht, ob verlängertes Nachtfasten die Prognosen von Frauen beeinflusst, bei denen eine frühe Form von Brustkrebs diagnostiziert worden war. 2400 Patientinnen machten mit – diejenigen von ihnen, die regelmäßige Essenspausen von mindestens 13 Stunden einhielten, hatten ein deutlich geringeres Rückfallrisiko.

Madeo ist Altersforscher. In seiner aktuellen Studie, InterFAST genannt, untersucht er mit seinem Kollegen Thomas Pieber, ob Intervallfasten als Jungbrunnen wirken kann. Dafür vergleichen die Forscher eine Gruppe Normalesser mit einer Gruppe von Menschen, die jeden zweiten Tag fasten.

Die Forscher nehmen an, dass die sich wiederholenden Fastenintervalle die körpereigenen Abwehrmechanismen aktivieren, somit den Organismus widerstandsfähiger machen und das Altern verlangsamen. Die Ergebnisse sollen Anfang 2018 veröffentlicht werden.

Wer Vollkorn futtert, wiegt auch weniger

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Eine Studie von US-Forschern hat ergeben, dass Menschen die sich von Vollkornprodukten ernähren, weniger auf die Waage bringen, als die, die auf Weißmehlerzeugnisse setzen.

Quelle: N24/ Andreas Heidorn

Madeo ist 49 Jahre alt. Er isst seit einem Jahr nur noch abends. Er lasse sich bis zu vier Stunden Zeit dafür, er liebe es, in Ruhe zu kochen und mit Freunden zu essen, sagt er. Die lange Pause danach, die vielen Stunden ohne Nahrung hätten ihn nur in den ersten beiden Wochen gestört. Madeo hatte ein Loch im Bauch. Aber der Hunger schwand, seitdem sieht der Forscher nur noch Vorteile. Er sei seltener krank, fühle sich stressresistenter. Eine Studie ersetzt diese Selbstbeobachtung freilich nicht.

Beim Intervallfasten stehe nicht der Wunsch nach weniger Kilos im Vordergrund, sagt Frank Madeo. Ein Gewichtsverlust, wie ihn Bernhard Ludwig beschreibt, sei bestensfalls ein Nebeneffekt. „Es geht um die Gesundheit, nicht ums Gewicht“, sagt Madeo. „Es ist eigentlich gar keine Diät, sondern eine Rückkehr zu unserer natürlichen Ernährungsweise.“

Prozess namens Autophagie kommt in Gang

Zu Zeiten von Jägern und Sammlern seien längere Pausen zwischen den Mahlzeiten normal gewesen. Naturvölker lebten heute noch nach diesem Rhythmus. Nur in westlichen Gesellschaften sei das ständige Snacken verbreitet. „Es ist völliger Wahnsinn, wie die Leute sich ernähren“, sagt Madeo. „Im Grunde essen sie rund um die Uhr. Das ist schädlich, weil dadurch ständig die Insulinproduktion stimuliert wird.“

Dass Essenspausen zumindest für Tiere gesund sein können, haben Versuche gezeigt. In einer Studie vom Salk-Institut im kalifornischen San Diego untersuchten Wissenschaftler das Fressverhalten von 400 Mäusen. Alle bekamen fettes und kalorienreiches Essen. Eine Gruppe durfte Tag und Nacht lang futtern. Die andere vertilgte dieselbe Menge an fettem Futter – in einem auf acht Stunden begrenzten Zeitraum. Diese Tiere nahmen weniger zu, das fette Essen schadete auch ihrer Gesundheit weniger.

Eine längere Pause zwischen den Mahlzeiten kann offenbar die negativen Folgen von kalorienreichem Essen dämpfen. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam setzten ebenfalls Mäuse auf Intervalldiät. Sie wählten Tiere, die übergewichtig waren und schon an einer Vorstufe von Diabetes litten. Wieder durfte ein Teil der Tiere jederzeit fressen, die anderen bekamen nur jeden zweiten Tag Futter. Jeder Zweite der Dauerfresser erkrankte an Diabetes, schädliche Fette reicherten sich in ihren Lebern an. Die intervallfastenden Mäuse blieben von den Ablagerungen verschont und gesund.

Die Deutschen werden durch Diätwahn immer dicker

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59 Prozent aller Männer sind übergewichtig, 37 Prozent aller Frauen. Die Folgen sind unangenehm: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Schuld ist auch der Diätwahn.

Quelle: N24/ Sarah Widter

„Nicht die Kalorienmenge ist entscheidend, sondern die Pausen“, glaubt Frank Madeo. Offenbar werde durch die Fastenphasen der Energiestoffwechsel angetrieben. Die Muskeln können schneller zwischen der Verbrennung von Fett und Kohlenhydraten wechseln. Ein Prozess namens Autophagie kommt in Gang – eine Art körpereigener Recyclingprozess. Der Japaner Yoshinori Ohsumi bekam für seine Forschung zu diesem Prozess im vergangenen Jahr den Medizin-Nobelpreis. Autophagie diene dazu, den Körper gesund zu halten, betonte das Nobelpreiskomitee.

„Durch den kurzzeitigen Mangel verdaut die Zelle alles, was herumliegt. Schädliche Proteinablagerungen werden abgebaut“, erklärt Frank Madeo. Im Fall der Potsdamer Diabetes-Mäuse wiesen die Messdaten darauf hin, dass vor allem ungesunde Fette in der Leber abgebaut wurden. Sie fördern die Unempfindlichkeit gegen Insulin und begünstigen dadurch Diabetes. Die Mäuse, die nur jeden zweiten Tag fraßen, reagierten wieder sensibler auf Insulin.

Recycelt wird vor allem dann, wenn im Körper kein Insulin kursiert. Das Bauchspeicheldrüsen-Hormon, das beim Essen ausgeschüttet wird, drosselt den Abbau der Reste. Die Frage ist aber, wie lang die Essenpausen sein müssen, um die Autophagie anzustoßen – bei Mäusen und vor allem bei Menschen.

Hormonspiegel wird beeinflusst

Wissenschaftler der Universität Padua baten junge, gesunde Sportler zwei Monate lang, 16-Stunden-Pausen beim Essen einzulegen. Eine Vergleichsgruppe aß drei Mal am Tag zu den üblichen Zeiten. Die Intervallfastenden verloren rund 1,6 Kilogramm Körperfett, büßten aber keine Muskelmasse ein. Ihre Blutwerte besserten sich: Blutzuckerspiegel, Insulinwert und Entzündungsfaktoren sanken. Der Spiegel eines Hormons stieg an, das Tiere nachweislich vor altersbedingten Gebrechen schützt.

Aus Tierversuchen weiß man auch, dass es das Leben der Probanden verlängern kann, wenn sie nicht nur Fastenpausen einlegen müssen, sondern dauerhaft auf Diät gesetzt werden. Bei Fadenwürmern, Taufliegen, Mäusen und Rhesusaffen haben Forscher die Kalorienreduktion mit Erfolg probiert: Tiere, die weniger zu fressen bekamen, als ihnen vermutlich lieb gewesen wäre, erkrankten seltener an Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden und Demenz.

Aber gilt auch für Menschen, was für Mäuse oder Rhesusaffen gilt?

Bei den Dauerdiäten warnt sogar Frank Madeo davor, die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen. Wer chronisch zu wenig Kalorien zu sich nehme, schwäche sein Immunsystem. In sterilen Laborumgebungen kämen solche Nebenwirkungen bei Tieren nicht vor, aber wenn der Mensch in Mangelzustände gerate, werde er anfälliger für Krankheiten in seiner Umwelt. Das Intervallfasten sei aber gerade keine Dauerdiät. Wer einmal am Tag gut zulangt, der sollte keinen Mangel erleiden.

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